Anders denken

“Zukunftsfaktor Unternehmenskultur”

Veränderung, Wandel, Change. Drei Worte, ein Phänomen, brandaktuell und zugleich zeitlos.

Nichts ist so beständig wie der Wandel, heißt es im Volksmund. Veränderung dient im Kontext von Unternehmen und Märkten der Anpassung, um erfolgreicher zu sein. Übertragen ließe sich das auf nahezu jede Organisation. Stets bedeutet Veränderung eine Störung des Bestehenden. Offensichtlich ist das keine triviale Aufgabe. Widerstände, Rigiditäten, Pfadabhängigkeiten. Als größte Herausforderung gilt die Änderung der Unternehmenskultur. Einige Theoretiker und Praktiker halten die Erfolgsaussichten für gering, andere für machbar. Kultur ist ein weicher Aspekt, häufig implizit, schwer greif- und formbar, emergent.

Peter Fischer, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Fischer Group International (fgi) mit Sitz in Hamburg, zeigt mit seinem Leitfaden für Topmanager wie ein Wandel der Unternehmenskultur gelingen kann. Das Buch enthält eine praktische Konzeption für die Vorgehensweise und wurde mit etwas Theorie angereichert. Es ist gut gegliedert, liegt gut in der Hand, lädt zum Lesen und Nachschlagen ein, wird allerdings hin und wieder getrübt durch zu kontrastreiche Elemente in Abbildungen.

Wie?

Substanzielle Veränderungen sind eine Aufgabe für das Top-Management, jeden Tag. Peter Fischer bietet sieben naheliegende Bausteine für einen erfolgreichen Kulturwandel an: Zielbeschreibung – Alignment als Ausrichten der Führung – Mobilisierung der Mitarbeiter – Steuerung inkl. Monitoring und Reflexion – Orientierung mit neuen Werten, Regeln, Rahmenbedingungen, Rollen und Führungskräften – Lernen – Beenden. Jeder Baustein enthält Praxisbeispiele, illustrierende Übersichten und vielfach Hinweise auf Werkzeuge in einem schnell erschließbaren Text mit hervorgehobenen Schlüsselbegriffen. Für eine erfolgreiche Mobilisierung sind das beispielsweise: eine gute Change-Story, Möglichkeiten des DIalogs, Bereitschaft zuzuhören, Gewinnen von Mitstreitern. Die Veränderung der Unternehmenskultur dauert mindestens zwei, eher drei Jahre.

Anders denken

Vom Wert der alternativen Perspektiven

Bei der Meinungs- und insbesondere Erkenntnisbildung sollte man nie die Unzulänglichkeit der eigenen Erkenntnisfähigkeit vergessen und stets versuchen, die Sicht der Anderen ehrlich zu würdigen.

In einem Aufsatz für den neuen NOVO Band “Sag, was Du denkst!”, hg. v. Thilo Spahl, erinnere ich an das Konzept der Bounded Rationality und an kognitive Verzerrungen sowie an den Wert und die Grenzen rationaler Bauchentscheidungen. Als vorteilhaft für solide Analysen haben sich Struktur- und Systemdenker erwiesen, zudem ist die Fähigkeit zur Selbstreflextion hilfreich. Für komplexe Systeme ist Modelldenken erforderlich, bietet die Kausalrevolution erhebliche Chancen und gilt es, auf die Anmaßung von Wissen zu verzichten.

Der Text skizziert eine Mischung aus Denkhaltung und Annäherung an eine Arbeitsweise, um komplexe Systeme analysieren zu können.

Aus Fehlern lernen

Corona-Modelle bilden die Realität nicht ab

Die Corona-Modelle der Task-Force, die in der Schweiz erarbeitet wurden, bilden die Realität nicht ab, nicht annähernd. Genau das ist allerdings die einzige Aufgabe eines Modells.

“Heute lässt sich ohne Wenn und Aber sagen: Die Schätzungen der Wissenschaft und die Realität klaffen weit auseinander. Die Anzahl Neuinfektionen sind derzeit so tief wie seit letztem Oktober nicht mehr. Die entwickelten Modelle der Task-Force bergen also ganz grundlegende Mängel.”

ist in einer anschaulichen Bilanz in der NZZ zu lesen. Und weiter:

“Hat die Schweizer Task-Force einen so schlechten Job gemacht, dass sie abgeschafft gehört? Tatsächlich kämpfen auch Modellierer aus anderen Ländern mit ähnlichen Problemen. Auch in Deutschland, Österreich oder Frankreich sinken die Fallzahlen schneller, als es die epidemiologischen Modelle vermuten lassen.”

Offenkundig verstehen die Task Force Experten bislang nicht wie die Ausbreitung von Corona funktioniert. Damit können sie der Politik keine Handlungsoptionen aufzeigen und haben falsche Empfehlungen abgeleitet.

Prognosen

KI: Grenzen der Prognostik bei Krieg & Spiel

Was haben eine Schlacht in der Normandie 1944, KI und ein Football Spiel gemeinsam?

Komplexität und deren Bewältigung. Prognosen und deren Grenzen. Der menschliche Faktor, kurz: Handeln.

Bei näherer Betrachtung ähneln sich die Schlacht – hier die Operation Goodwood – und das Football Spiel, z.B. der letzte Super Bowl LV. Die KI steht eher für den Hype um die noch, möglicherweise strukturell begrenzten Fähigkeiten von Maschinellem Lernen (ML).

Operation Goodwood war eine britische Offensive in der Normandie vom 18. bis 20. Juli 1944 mit dem Ziel der Abnutzung deutscher Kräfte im Zuge einer abschließenden Eroberung von Caen und eines Schlüsselgebiets im Südwesten der Stadt.

Personen

Moderne Prognosen, hier: Kanzler Laschet (68%) regiert mit Schwarz-Grün (54%)

Die Prognose-Verfahren werden laufend verbessert.

Diente das Orakel von Delphi noch als Informationsbroker, ermöglichen inzwischen mindestens zwei entscheidende Neuerungen bessere Prognosen. So hat sich in den letzten Jahren und wenigen Jahrzehnten ein Methoden-Kanon herauskristallisiert, der die Auswertung statistischer Daten und kausaler Beziehungen auf eine systematische Grundlage stellt. Hinzu kommen die enormen Steigerungen der Rechenleistungen.

Eine beliebtes Anwendungsgebiet von Prognosen ist vergleichsweise simpel, weil die Komplexität beherrschbar ist. Die Rede ist offensichtlich von Wahlen. In den USA gibt es zahlreiche Ansätze mit unterschiedlicher Methodik. In Deutschland gibt es einen interessanten neuen Player: die INWT Statistics GmbH.

Der Ansatz beruht auf einem Modell, einem dynamischen, mehrebenen Bayes Model. Das ist vereinfacht gesagt deshalb hilfreich, weil mit einem Modell die Wirklichkeit der Wahlentscheidungen und Koalitionsmöglichkeiten abgebildet wird. Hinzu kommt, dass bedingte Wahrscheinlichkeiten gut mit Bayes’schen Modellen bearbeitet werden können.

Als Daten werden sowohl Umfragen als auch vergangenen Wahlergebnisse und Expertengespräche genutzt. Letzere sind vor allem für die Partei-Präferenzen der Koalitionsbildung hilfreich.

Und, wie sieht die nächste Regierung aus? Diese Frage lässt sich in Teilfragen zerlegen:

  • Wer wird der nächste Bundeskanzler? Nach derzeitigem Stand Armin Laschet mit 68% Wahrscheinlichkeit.
  • Welche Parteien werden die Regierung bilden? Schwarz-Grün mit 54% Wahrscheinlichkeit.
  • Die Wahrscheinlichkeit für eine Ampel beträgt nur 12% und für Schwarz-Grün-Gelb nur 10%.
  • Der Forecast für die Partei-Ergebnisse weist naturgemäß einen erheblichen Unsicherheitsbereich auf. CDU/CSU liegen klar vorn mit gut 27%, gefolgt von den Grünen mit fast 23%. Die SPD erreicht nicht ganz 15%, gefolgt von AfD mit 11% und FDP von gut 10%.
  • Bemerkenswert sind weitere Prognosen: Die Wahrscheinlichkeit einer Schwarz-Grünen Mehrheit liegt bei über 80% und die der Ampel bei über 66%, während Rot-Rot-Grün nur eine 29%oge Wahrscheinlichkeit auf eine Mehrheit hat.

Je näher die Wahl rückt, umso wichtiger dürften die Aktualisierung und die Belastbarkeit von Prognosen werden.

 

Anders denken

Jede Politik enthält eine Prognose

Jede Politik enthält ein Versprechen. Mehr Sicherheit, mehr Diversität, mehr Gleichheit, weniger Klimawandel, früher auch bessere Standortbedingungen, inzwischen stets ein Bekämpfen von irgendetwas. 

Jedes politische Versprechen beruht auf einem vielfach impliziten Ursache-Wirkung-Zusammenhang, z.B. weniger CO2 => weniger Erderwärmung; weniger Bürokratie und bessere Infrastruktur => bessere Bedingungen für Unternehmen – mehr Arbeitsplätze und Produkte – mehr Wirtschaftswachstum.

Selten wird derzeit auf Politik geschaut und gefragt: Welche Prognose liegt der Politik zugrunde? Und im Anschluss daran: Ist diese Prognose gut begründet? 

Zitat des Tages

The Power of the Future

“The Power of the Future comes from having Ideas of the Future that are different”.

Peter Thiel

Peter Thiel blickt auf die Zukunft in mindestens zweifacher Weise: 1. strategisch-nüchtern: Wie wird die Zukunft wahrscheinlich werden? 2. gestaltend: Wie können und sollen Akteure eine bessere Welt als die heute schaffen?

Vor dem Hintergrund seiner Analyse der vergangenen 16 Jahre in Deutschland als kontinuierlicher Stillstand, als eine endlose Serie von Murmeltiertagen und seiner Sicht auf dysfunktionale Institutionen – Universitäten, Groß- und Megastädte, Konzerne – sind Aufbruchsideen in Deutschland gefragt. Wir tun gut daran, Gleichförmigkeit und Gleichmut über Bord zu werfen, um mit frischen Ideen das Land voranzubringen. Die alten deutschen Prinzipien des 20. Jahrhunderts reichen nicht einmal aus, um den Status quo zu halten.

Aus Fehlern lernen

Priming von Zukunftsperspektiven

Werden Schüler an deutschen Schulen mit reduzierten Perspektiven auf die Zukunft geimpft? Das scheint für die BRD und DDR gegolten zu haben und gilt noch heute. Interessanterweise geschieht das in Geschichtslehrbüchern. 

Die Basisnarrative, die in der Schule eingeübt werden, hat Sabrina Schmitz-Zerres in ihrer Dissertation „Die Zukunft erzählen. Inhalte und Entstehungsprozesse von Zukunftsnarrationen in Geschichtsbüchern von 1950 bis 1995“ untersucht – und zwar sowohl deren inhaltlich-thematische Ausgestaltung als auch den Zulassungsprozess bis zur Veröffentlichung.

Die „zeitgenössischen Zukunftsbeschreibungen” im Geschichtslehrbuch „wirken auf das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft ein, was durch ihre Verwendung in der schulischen Geschichtsvermittlung auch intendiert ist. Es handelt sich bei diesen Narrativen um Deutungen, die die Offenheit von Zukunft reduzieren und ein Geschichtsbild von Kontinuität vermitteln.“ wie der Besprechung durch Wolfgang Jacobmeyer in sehepunkte zu entnehmen ist.

Dystopien

Dystopie ohne Ökonomie

„Das Licht der letzten Tage“ ist ein dystopischer Roman von Emily St. John Mandel, einer kanadischen Schriftstellerin (Jahrgang 1979), die in New York lebt. Die dyssynchron erzählte Geschichte (englisches Original: Station Eleven, 2014) rankt sich rund um den Bühnentod des etwas abgehalfterten Filmschauspielers Arthur und einiger mit ihm verbundener Personen. Das Narrativ ist in zwei Welten angesiedelt: Das ist einerseits die globalisierte Welt mit ihren individuellen Herausforderungen insbesondere rund um das Promi-Dasein des (früheren) Stars und andererseits der Überlebenskampf in der Apokalypse nach der Auslöschung der Menschheit durch eine Grippe-Pandemie insbesondere im Jahr 20 der neuen Zeitrechnung. Beide Welten sind durch Vor- und Rückblenden verflochten, durch die Beziehungen und Kennverhältnisse von Personen sowie durch ein Science-Fiction-Comic, ein Interview und ein Buch als Briefsammlung.

Rezensionen

Die Zeit duften lassen

Ein erfülltes Leben resultiert nicht aus der Fülle des Lebens, sondern aus einer besonderen Synthese in deren Mittelpunkt das kontemplative Leben steht (vita contemplativa). Mit dieser Überlegung wandte sich der koreanische, in Berlin lehrende Philosoph Byung-Chul Han bereits vor über 10 Jahren gegen den Zeitgeist und somit gegen verbreitete Auffassungen über die Beschleunigung unseres Lebens. Das Gefühl einer allgemeinen Beschleunigung stellt für Han lediglich ein Symptom der „Dyschronie“ dar, einer tiefer liegenden Störung der Zeitwahrnehmung angesichts eines Verlusts von Lebenssinn und Lebensmitte im Zuge permanenter Aktivitäten. Entschleunigung könne keine Abhilfe sein.

Die Zeit zwischen Events, zwischen herausgehobenen Zeitpunkten, sei eine leere Zeit. Der Versuch durch mehr Events oder eine Verkürzung der Leere mehr Lebenswert zu schaffen, stehe dem kontemplativen Leben entgegen, denn

Die Zeit beginnt zu duften, wenn sie eine Dauer gewinnt.“

bemerkt Han. 

Die heutige Zeit sei stark kinematographisch geprägt, also eine Abfolge von bloß Visuellem. Die Gegenwart werde immer kürzer und gedrängter – wir zappen uns gleichsam durch flüchtige Momente. Der Duft sei hingegen eine Erscheinung ohne Dauer, konstatiert Han:

Allein in der Tiefe des Seins tut sich ein Duft auf, wo alle Dinge sich anschmiegen und miteinander kommunizieren. Gerade diese Freundlichkeit des Seins lässt die Welt duften.