Prognosen

Nie wieder viel Schnee?

Manche Prognose geht in die Hose. Irrige Klima-Prognosen gibt es zuhauf.

Im Südwesten Berlins sind gerade -7 Grad Celsius. Am Montagmorgen sollen es -10 Grad sein. Der Schlachtensee ist zugefroren. Am Ende der Woche dürfte er gut begehbar sein angesichts anhaltend bis zu zweistelliger Minusgrade. Cum grano salis ist das alle sieben Jahre der Fall, behaupte ich.

Mojib Latif ist ein deutscher Meteorologe, war langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie und ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

In einem Interview mit dem Spiegel im Jahr 2000 konstatierte Latif:

“Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben”

Der Spiegel schrieb einleitend: “In Deutschland gehören klirrend kalte Winter der Vergangenheit an.”

n-tv meldet aktuelle (07.02.2021): Extremwinter macht Einsatzkräften zu schaffen. Außerdem in: Die Wetterwoche im Schnellcheck – Schnee und Eiseskälte kommen über das ganze Land.

In Warschau herrschen ähnliche Temperaturen. Das gilt im Übrigen für ganz Skandinavien, Mittel- und Osteuropa.

Prognosen

Konjunkturprognosen mit begrenztem Wert

Konjunkturprognosen sind regelmäßig dann treffsicher, wenn es keine Trendänderung gibt. Überspitzt ließe sich sagen, dass den Experten die Fortschreibung der Vergangenheit gelingt. Krisen, externe Schocks, Rezessionen, deren Auswirkungen besonders interessant und relevant sind, werden jedoch überwiegend übersehen.

  • Die Wirtschaftsweisen haben in Deutschland lediglich zwei von sechs Rezessionen kommen sehen.
  • Die Finanz- und Staatsschuldenkrise wurde nicht prognostiziert.
  • Auch die Corona-Krise wurde nicht prognostiziert, ihre Auswirkungen korrigiert, z.B. im Gemeinschaftsgutachten 2020.

Je weiter die Prognose in die Zukunft reicht, desto weniger treffsicher fällt sie aus. Das zeigt die Eigenevaluation der Konjunkturprognosen des ifo-Instituts.

2005 lautete ein wissenschaftliches (wirtschaftshistorisches) Urteil, die Politik solle auf Konjunkturprognosen verzichten. Sowohl die Prognosen als auch dern Evaluation hätten sich in den letzten 40 Jahren nichts substanziell verbessert. Die Politik solle die Wirtschaftsforschungsinstitute diesbezüglich nicht mehr subventionieren. Im Grunde gelte das Diktum von Oskar von Morgenstern aus dem Jahr 1928:

Sie sollen die Prognose aufgeben.

IMF Kristallkugel kaputt

Prognosen

Vorhergesagt: Emmanuel Todd sah den Arabischen Frühling kommen

Manche Vorhersagen kommen unzeitgemäß. Manche kommen auf unerwartbare Weise zustande. Beides gilt für den französischen Historiker, Demograph und Anthropologen Emmanuel Todd. Er hatte bereits vor rund 15 Jahren die arabische Revolution vorausgesagt, die sich aktuell zum zehnten Mal jährt.

In Buchform veröffentlichte er 2007 zusammen mit Youssef Courbage “Die unaufhaltsame Revolution”. Vorausgegangen waren umfangreiche Untersuchungen zur Alphabetisierung arabischer Gesellschaften und deren als entscheidend angesehenen Einfluss auf die Geburtenrate.

Todd und Courbage urteilten, der Eintritt in die Moderne werde durch den Fall der Geburtenrate eingeleitet, der Transformationsprozess der demographischen Revolution selbst sei wesentlich durch die Familienstrukturen bestimmt. Begleitet würden die Umwälzungen von einer Säkularisierung. Auch der Islam könne, wie schon die Kirchen im Westen zuvor, den Trend zur Modernisierung und zur Kleinfamilie nicht aufhalten.

Extremisten würden davon lediglich im Übergangsstadium profitieren. Dementsprechend seien Gewaltausbrüche und Radikalisierungen kein Anzeichen für ein Zurückfallen der Region, sondern vielmehr für einen Umbruch oder Aufbruch in die Moderne. Die führenden Köpfe des Institut d’Etudes Démographiques konstatierten, dass auch die Aufklärung von Widerstand und Gewalt begleitet worden sei.

In einem Interview, das in dem kleinen Band “Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet” (Piper 2011) abgedruckt ist, beschreibt Emmanuel Todd de Mechanismus wie folgt:

“In diesem Buch geht es um den Eintritt der arabischen Welt in einen universellen Prozess, in die Massenalphabetisierung, jenen historischen Augenblick, an dem deutlich wird, dass alle Individuen einer Gesellschaft in einem Alter über sechs oder zehn Jahren lesen und schreiben können. So werden sie in der Lage sein, an einer gemeinsamen Kultur teilzuhaben: Daraufhin folgen in einer natürlichen Abfolge ein Geburtenrückgang, ein wirtschaftlicher Aufschwung und selbstverständlich eine politische Demokratisierung. Dabei bleiben Wirren des Übergangs und die Gewalt, welche die Desorientierung angesichts der Moderne auslöst, offenbar nicht aus.”

Auf die Frage, ob Todd der Zeitpunkt der Revolutionen trotz seiner Prognose überrascht hätte, antwortete der Franzose:

“Der Zeitpunkt, wenn die Ereignisse losgehen, kommt natürlich immer überraschend.”