Die Zeit duften lassen

Ein erfülltes Leben resultiert nicht aus der Fülle des Lebens, sondern aus einer besonderen Synthese in deren Mittelpunkt das kontemplative Leben steht (vita contemplativa). Mit dieser Überlegung wandte sich der koreanische, in Berlin lehrende Philosoph Byung-Chul Han bereits vor über 10 Jahren gegen den Zeitgeist und somit gegen verbreitete Auffassungen über die Beschleunigung unseres Lebens. Das Gefühl einer allgemeinen Beschleunigung stellt für Han lediglich ein Symptom der „Dyschronie“ dar, einer tiefer liegenden Störung der Zeitwahrnehmung angesichts eines Verlusts von Lebenssinn und Lebensmitte im Zuge permanenter Aktivitäten. Entschleunigung könne keine Abhilfe sein.

Die Zeit zwischen Events, zwischen herausgehobenen Zeitpunkten, sei eine leere Zeit. Der Versuch durch mehr Events oder eine Verkürzung der Leere mehr Lebenswert zu schaffen, stehe dem kontemplativen Leben entgegen, denn

Die Zeit beginnt zu duften, wenn sie eine Dauer gewinnt.“

bemerkt Han. 

Die heutige Zeit sei stark kinematographisch geprägt, also eine Abfolge von bloß Visuellem. Die Gegenwart werde immer kürzer und gedrängter – wir zappen uns gleichsam durch flüchtige Momente. Der Duft sei hingegen eine Erscheinung ohne Dauer, konstatiert Han:

Allein in der Tiefe des Seins tut sich ein Duft auf, wo alle Dinge sich anschmiegen und miteinander kommunizieren. Gerade diese Freundlichkeit des Seins lässt die Welt duften.

Einen Ausweg sieht der mit einer Arbeit über Heidegger promovierte Philosoph in dessen Strategie, die Selbstherrschaft über die Zeit wieder zu gewinnen: Ich habe keine Zeit – ich habe immer Zeit! Kritisch wendet sich Han gegen Hannah Arendt, die ein aktives (Arbeits) Leben postulierte, das allerdings gerade die Ursache des Problems sei. Erst die Unfähigkeit zu verweilen erzeuge die Fliehkraft, die zu allgemeiner Zerstreuung und Hast führe. Bemerkenswert ist weit über diesen Zusammenhang hinaus Hans Einschätzung: Dinge erscheinen machbar und sind nicht mehr aus sich heraus da. 

Den Essay durchzieht ein Lob des Zögerns, des Wartens und der Geduld – Arbeit mache hingegen unfrei. Schole ist Muße und bios theoreticos das Leben, das sich der kontemplativen Wahrheitssuche widmet, einer Erforschung der Wahrheit in Freude. Ein von der Arbeit beherrschtes Leben ist für Han eine vita activa, die von der vita contemplativa abgeschnitten ist. Der Mensch kann so zu einem animal laborans absinken. 

Zeitlos aktuell erscheint, dass gerade dann abweichende Ansichten gemieden werden würden, weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehle. Kontemplatives Verweilen weite hingegen das Sein, das Leben gewinne an Zeit und Raum, an Dauer und Weite.

Zeit für einen Spaziergang, bei dem die Gedanken schweifen, ohne Ziel und ohne Erledigungsgebot. Vielleicht bringt ein Rotkehlchen eine frohe Botschaft. Dann darf es allerdings auch wieder produktives, zielgerichtetes Handeln geben. Flow ist ein Glückszustand, der nicht durch Treibenlassen, sondern durch aktives Tun entsteht.

Literatur: Byung-Chul Han: Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens, Transcript Verlag, 7. Aufl. Bielefeld 2009, 111 Seiten, 15,80 Euro.

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