Dystopie ohne Ökonomie

„Das Licht der letzten Tage“ ist ein dystopischer Roman von Emily St. John Mandel, einer kanadischen Schriftstellerin (Jahrgang 1979), die in New York lebt. Die dyssynchron erzählte Geschichte (englisches Original: Station Eleven, 2014) rankt sich rund um den Bühnentod des etwas abgehalfterten Filmschauspielers Arthur und einiger mit ihm verbundener Personen. Das Narrativ ist in zwei Welten angesiedelt: Das ist einerseits die globalisierte Welt mit ihren individuellen Herausforderungen insbesondere rund um das Promi-Dasein des (früheren) Stars und andererseits der Überlebenskampf in der Apokalypse nach der Auslöschung der Menschheit durch eine Grippe-Pandemie insbesondere im Jahr 20 der neuen Zeitrechnung. Beide Welten sind durch Vor- und Rückblenden verflochten, durch die Beziehungen und Kennverhältnisse von Personen sowie durch ein Science-Fiction-Comic, ein Interview und ein Buch als Briefsammlung.

Drei Protagonisten sind in den Erzählsträngen von Belang und lose mit einander verbunden. Jeevan, ein Rettungssanitäter und Ex-Paparazzi, versuchte Arthur erfolglos auf der Bühne wiederzubeleben. Er dominiert etwa das erste Drittel des Buches, überlebt, gründet eine neue kleine Familie und ist die beste Alternative zu einem Arzt in dem primitiven Leben einer Kleinststadt. Clark ist der Anwalt von Arthur, der Angehörige von dessen Tod benachrichtigt und auf dem letzten Flug in der alten Welt auf einem Flugplatz außerhalb einer Stadt strandet. Als latent skurriler alter Mann baut und pflegt er ein Museum der guten alten Dinge der Vergangenheit im Flughafengebäude. Sein Leben steht im Mittelpunkt des letzten Buchdrittels. Neben den sesshaften Passagieren im und um den Flughafen gibt es noch Nomaden: Die Shakespeare Schauspieltruppe „Reisende Symphonie“ zieht auf von Pferden gezogenen Autos durch das postapokalyptische Nordamerika und macht schließlich auf dem Flughafen Zwischenstation. Im Zentrum steht dort das Überleben von Kirsten, die als achtjähriges Mädchen und Statistin von Arthurs Bühnentod geprägt wurde. Sie überlebt den Überfall einer Gruppe um den sogenannten Propheten, einen gewalttätigen Endzeitprediger und Sohn von Arthur namens Tyler aus dessen zweiter Ehe, der dabei stirbt. Erwähnt sei schließlich Miranda, Arthurs erste Ehefrau, die das unveröffentlichte Comic „Station Eleven“ in jahrelanger Arbeit schuf – je eine Ausgabe erhielt ihr Sohn Tyler und Kirsten.

Emily St. John Mandel kann schreiben. Ich finde Konstellationen von Personen interessant, die wie in Filmszenen handelten. Auch Naturstimmungen wirkten einfühlsam und lebendig. Die dyssynchrone Erzählung kann für Viel-Roman-Leser detektivisches Puzzelinteresse befriedigen. In meinem Lebensalter kann ich indes der Geschichte nichts Neues und immerhin streckenweise Unterhaltsames abgewinnen. Schon Mad Max, Waterworld, The Book of Eli und viele andere Filme beschreiben eine post-apokalyptische Welt, die leider nur aus der Verwertung der Zivilisationsreste besteht. Als Ökonom vermisse ich Unternehmertum, Ingenieurskunst, Erfindungsreichtum und diagnostiziere ein unter Kunstschaffenden verbreitetes, fehlendes ökonomisches Grundwissen. Immerhin taucht zum Ende von „Das Licht der letzten Tage“ der Schein von Straßenlaternen einer entfernten Stadt auf. Statt Elend und Überleben in einer durch Gewalt geprägten Anarchie als Folie gibt es positive, Mut machende Utopien, die erzählt werden wollen. 

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