Experten-Staatsversagen vermeiden

In Krisenzeiten tritt Versagen deutlicher hervor als in Zeiten von Wachstum und guter Stimmung. Gleichwohl ist in der Corona-Krise bemerkenswert wenig die Rede vom Staatsversagen. Experten und Politiker geben den Ton an.

In der Wirtschaftspolitik wurden Schwächen und schädlichen Folgen staatlichen Handelns früher regelmäßig aufgezeigt, insbesondere als es noch Lehrstühle für Ordnungspolitik und namhafte liberale Ökonomen gab.

Solange die konkurrierenden Systeme in Ost und West existierten, war das Versagen des sozialistischen Staatsmodells auf der Tagesordnung, insbesondere seitdem die teils dramatischen Konsequenzen unübersehbar wurden – zuvor von einsamen klassisch und neuliberalen Denkern.

Konsequente Liberale, Anhänger der Österreichischen Schule und der Public Choice Schule sind mit Staatsversagen wohl vertraut. Das liegt auch an ihrer praktisch bewährten Bürokratietheorie. Heute sind sie an den Rand gedrängt und gerade auch in Deutschland einflusslos.

Vorsichtig ist geboten, damit man mit der berechtigten und fundierten Kritik all der Missstände, Fehler und strukturellen Unzulänglichkeiten des Systems Staat nicht in eine Negativspirale abgleitet und dort verharrt. Vielfach sind die komplexen Lagen vertrackt. Vielmehr gilt es zukunftsgerichtet an Verbesserungen zu arbeiten. Das können Verbesserungen sein, die Politiker und Bürokraten nutzen können, außerdem sind grundsätzliche Neuerungen angebracht.

Corona-Krise

Die Corona-Krise und die Corona-Politik zeigen wie schwer sich der Staat als System und als Apparat von Behörden tut, wie folgenschwer die Empfehlungen von Experten und die Entscheidungen führender Politiker sind.

  • Eine zwar im Ton sachliche, in der Sache aber geradezu vernichtende Kritik der Corona-Politik bietet für die USA der Ökonom John Cochrane auf econtalk und zeigt zugleich die Alternative eines Marktgelingens auf.
  • Schäden der Politik werden zunehmend thematisiert, in der Great Barrington Declaration weltweit sichtbar angegangen, eine Klagewelle aus dem Handel baut sich aktuell auf, jeweils mit gut begründeten Öffnungen.
  • Indes bleibt rätselhaft, warum die Lockdown-Politik nach über einem Jahr immer noch die Risikogruppe privilegiert, die weit überwiegende Zahl der kaum von Corona betroffenen Menschen drastisch limitiert und mit dieser Politik Tausende sterben.
  • Das wird auch sichtbar in der regelmäßig verkehrten Impfpriorität (die passiven statt die aktiven Menschen, Senioren statt Pflegepersonal und Berufstätige) sowie deren Festlegung durch Experten statt eine Koordination über den Markt erfolgen zu lassen.

Experten-Krise

Die systematischen Gründe liegen im Expertenversagen, das zugleich ein Staatsversagen ist und weitreichende Gefahren birgt. Dazu gehören das Unterminieren einer pluralistischen Gesellschaft, das Verdrängen der Demokratie durch einen Anordnungsstaat und die autoritative Beschränkung auf das Wissen weniger statt die Koordination des Wissens vieler.

Roger Koppl, international angesehener Ökonom an der Syracuse University in New York, hat das Experten Versagen in einem anspruchsvollen Buch aufgearbeitet. Es ist unter dem Titel “Expert Failure” bei Cambridge University Press bereits 2018 erschienen.

Koppl ist aufgrund der verheerenden Auswirkung, die Experten für das Leben normaler Menschen gehabt haben, ein Kritiker ihrer dominierenden Rolle. Er versteht unter Experten Menschen, die für ihre Meinung bezahlt werden. Einige ausgewählte Erkenntnisse und Sichtweisen seien nachfolgend knapp resümiert:

  1. Populismus und Technokratie gehen Hand in Hand und nehmen zu. Zum Populismus gibt es zwei entgegen gesetzte Alternativen: die Herrschaft der moralischen Eliten (über das amoralische Volk) und Pluralismus als Verständnis eine Gesellschaft, die aus heterogenen Gruppen und Individuen mit vielfach sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Wünschen besteht.
  2. Demokratie kann als das am wenigsten schlechte politische System verstanden werden. Die Herrschaft der Experten führe zu einer Abkehr von der Demokratie.
  3. Experte sei jeder, der für seine Meinung bezahlt werde, nicht aber jemand mit Fachwissen. Damit richtet sich der Blick auf die Rolle. Experte per Fachwissen sei heute fast jeder, zumindest relativ.
  4. Experten zeichnen sich dadurch aus, dass ihre (vermeintliche) Überlegenheit über Nicht-Experten den Anspruch auf Gehorsam mit sich bringen.
  5. Die im Buch entwickelte ökonomische Theorie der Experten fügt die Ko-Evolution der Arbeitsteilung und Wissensteilung zusammen. Entscheiden ist, dass beide nicht geplant werden. Beide sind spontane Ordnungen.
    Hinzu kommt ein fundamentaler Punkt, der m.E. von entscheidender Bedeutung für das Staatsversagen ist und die Verschlechterung der Lebensbedingungen befördert:
  6. Wissen ist NICHT hierarchisch, einheitlich, explizit und nachlesbar, SONDERN entsteht überwiegend bei praktischen Handeln, ist oft implizit und schwer greifbar, zudem gespeichert in unseren Normen, Gewohnheiten, Praktiken und Traditionen.
  7. Experten lassen sich einem heterogenen Tiefen Staat zuordnen, der noch mehr Expertenversagen mit sich bringt und einen schleichenden Systemwechsel befördert. Die komplexe Bürokratie des Tiefen Staates ist vom demokratischen Prozess ausgenommen und unterliegt nicht den für jederman geltenden Rechtsregeln. Der administrative Staat ist mit der Herrschaft des Rechts und einer pluralistischen Gesellschaft unvereinbar.
  8. Eine Alternative zum administrativen Staat, der hierarchisch konstruiert ist, besteht in überlappenden Zuständigkeiten und fragmentierter Autorität, d.h. Polyarchie statt Hierarchie – Polyarchie entspricht einer pluralistischen Gesellschaft.
    Anmerkung: Politischer Wettbewerb und Non-Zentralität ließen sich ergänzend anführen.
  9. Der Wohlstands- und Wohlfahrtsgewinn der Polyarchie dürfte schon angesichts der Wissensnutzung im Vergleich mit der herkömmlichen Hierarchie beträchtlich sein. Das gilt auch für die Koordinierungsfähigkeit.
  10. Zugleich sind damit die Experten das Problem und nicht die Lösung. Sie stehen dafür, dass einer Gesellschaft begrenztes Wissen auferlegt wird, das vielmehr emergent aus der Gesellschaft entstehen können sollte. Ein einheitliches Wissen

Nachsatz: Ich habe an anderer Stelle auf die Probleme einer Herrschaft der Bürokratie inklusive der sogenannten Technostruktur hingewiesen.

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