Kontraintuitives Verhalten von sozialen Systemen

So lautet der Titel eines Aufsatzes von Jay W. Forrester (1918-2016), Professor am MIT, USA. Der Begründer der Systemdynamik schildert im IV. Abschnitt die Dynamik urbaner Systeme. Die Untersuchungen sind faszinierend, weil die Lösungen für Wohnungsmangel und verfallende Stadtgebiete nicht mehr soziale Wohnungen sind, sondern weniger und dafür mehr Unternehmen, die Arbeitsplätze anbieten.

Forrester ist zu dieser Erkenntnis gelangt, indem er zunächst ein Model urbaner Prozesse entworfen hat. Gestützt auf eine Theorie dynamischer sozialer Systeme zeigte das Computermodell wie Industrie, Wohnungen und Menschen interagieren während eine Stadt wächst oder verfällt.

Die üblichen Hilfsprogramme scheiterten nicht nur durchweg, sondern verschlechterten die Lage noch zusätzlich. Ob Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmen, Weiterbildungen für die am wenigsten Gebildeten, Subventionen aus dem Bundeshaushalt oder sozialer Wohnungsbau. Sowohl der wirtschaftliche Zustand der Stadtvierte als auch die langfristigen Folgen für die Bevölkerungsgruppe mit den geringsten Einkommen waren negativ. 

Forrester erkannte: Verfallende Stadtgebiete entstehen aus einem Überschuss von sozialem Wohnungsbau und nicht durch Wohnungsknappheit.

Das ist die dahinter liegende Systemdynamik:

  • Rechtliche und steuerliche Anreize sorgten für den Erhalt alter Gebäude.
  • Alternde Industriegebäude verringerten das Arbeitsangebot. 
  • Alternde Wohnblöcken zogen niedrigere Einkommensgruppen an, die diese in größerer Belegungsdichte bewohnte.

So funktionierte die soziale Falle: In die Jahre kommende Gebäude verursachten also ein schrumpfendes Arbeitsangebot und eine wachsende Bevölkerung, die noch weniger Arbeit fand. 

Ein Überschuss an Sozialwohnungen verschärfte das Problem weiter, zumal solange weitere Menschen in die Stadt zogen, bis der Lebensstandard das gerade noch ertragbare Minimum erreichte. Folglich verfielen weitere Häuser, die wiederum das Bauland für Gebäude blockieren, in denen Arbeitsplätze angeboten werden. 

Alle Hilfsmaßnahmen sorgen allenfalls für kurzfristige Linderung, denn das selbstregulierende System verschlechtert die Lebensbedingungen solange, bis der Zuzug von Menschen stoppt. Menschen ziehen zudem in benachbarte etwas bessere Gebiete bis diese ebenfalls übervölkert und heruntergekommen sind.

Wenn alle Bedingungen gleich bleiben und die Bevölkerung einer Stadt wächst, führt das zu einem Mangel an Arbeit, Staus, Verschmutzung, Gewalt und sinkender Lebensqualität. Gegen die mächtigen Gleichgewichtskräfte helfen keinen sozialen Interventionen.

Erfolgreich sind nur Maßnahmen, die zugleich die Lebensqualität und die Bevölkerungszahl beeinflussen. Und das bedeutete, Wohngebiete umzuwidmen in Gebiete für Unternehmen, die Jobs schaffen. Die Probleme lassen sich nicht mit Geld lösen, erkannte Jay W. Forrester, sondern nur mit Wirtschaftswachstum verursacht durch Arbeit anbietende Unternehmen.

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