Anders denken

Perspektivwechsel: Gewalt-Unternehmer nicht nur Verbrecher

Was haben der Krieg in Afghanistan, der Krieg gegen Drogen und Krieg gegen den Islamischen Staat gemeinsam?

Aus der Sicht der Staatsführungen handelt es sich um Verbrecher, die zur Strecke gebracht werden müssen: Usama bin Laden und alle ihm nachfolgenden al-Qaida Anführer sowie die Taleban, Pablo Escobar und alle nachfolgenden Drogen-Kartell-Bosse, Abu Bakr al-Baghdadi und die sogenannte Terrororganisation Islamischer Staat.

Die Frontstellung ist ziemlich einfach: Wir sind die Guten, die sind die Bösen. Wir werden alle Gewalt-Mittel einsetzen, um die Bösen zu besiegen und zu bestrafen. Ein Problem: Dieser Ansatz funktioniert regelmäßig nicht. Selbst wenn es gelingt die Anführer auszuschalten, rücken Nachfolger in den Rängen nach oben. Die Organisationen bestehen fort, werden neu gegründet, gehen noch tiefer in den Untergrund oder in unwegsames Gelände und kommen zurück. Zugleich sind die Kosten horrende: materiell, was die auch eigenen Opfer betrifft, teilweise politisch, weil die Jahrzehnte währenden Kriege nicht gewonnen werden. Vielleicht steckt darin ein Anreiz sie fortzuführen – auf beiden Seiten.

Was tun?

Das Problem anders betrachten.

Anders denken

Kontra-intuitiv: Schule verbessert das Leben nicht

Die Pandemie-Politik hat zum Ausfall von Unterricht, zu einer Verschlechterung der Vermittlung des Lernstoffs geführt. Vor allem sozial schwache Schüler leiden darunter. So lautet eine These, die noch dazu Billionen schwere Einkommensverluste für die zukünftigen Lebensjahrzehnte prognostiziert.

Eine interessante empirische Untersuchung kommt nun zu einem gegenteiligen Schluss. Gregory Clark und Neil Cummins haben beim CATO Institute unter dem Titel Does Education Matter? die verlängerte Schulpflicht in England und Wales von 1919–1922, 1947 und 1972 untersucht. Insgesamt stieg das Schulpflichtalter von 12 auf 16 Jahre.

Das Ergebnis: keine erkennbaren Einkommensgewinne für die betroffenen Kohorten und keine verbesserte Lebensqualität durch längere Schulzeit für Kinder aus niedrigen Einkommensschichten:

One piece of counterevidence is the effects of England’s extensions of compulsory schooling in 1919–1922, 1947, and 1972. This shows compellingly that more schooling for students of lower socioeconomic status produced little or no gains in incomes or in broader measures of living standards, such as longevity.

Und an anderer Stelle:

Again … we find no effect. The 1919–1922 schooling extension did not allow the affected cohorts to move to communities with more education, less crime, or less unemployment. Similarly, we find that the 1947 extension of the leaving age to 15 had no impact on the survival rate of men and women from age 15 to 65 and by implication had no impact on the health of individuals.

Die Hervorhebungen stammen von mir.

Prognosen

Nie wieder viel Schnee?

Manche Prognose geht in die Hose. Irrige Klima-Prognosen gibt es zuhauf.

Im Südwesten Berlins sind gerade -7 Grad Celsius. Am Montagmorgen sollen es -10 Grad sein. Der Schlachtensee ist zugefroren. Am Ende der Woche dürfte er gut begehbar sein angesichts anhaltend bis zu zweistelliger Minusgrade. Cum grano salis ist das alle sieben Jahre der Fall, behaupte ich.

Mojib Latif ist ein deutscher Meteorologe, war langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie und ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

In einem Interview mit dem Spiegel im Jahr 2000 konstatierte Latif:

“Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben”

Der Spiegel schrieb einleitend: “In Deutschland gehören klirrend kalte Winter der Vergangenheit an.”

n-tv meldet aktuelle (07.02.2021): Extremwinter macht Einsatzkräften zu schaffen. Außerdem in: Die Wetterwoche im Schnellcheck – Schnee und Eiseskälte kommen über das ganze Land.

In Warschau herrschen ähnliche Temperaturen. Das gilt im Übrigen für ganz Skandinavien, Mittel- und Osteuropa.

Anders denken

Eine rationale Haltung trainieren

Als Mensch sind wir vieles. Vernunftbegabt. Emotionsbeladen. Begeisterungsfähig, kreativ, kontemplativ und vieles mehr.

In Diskussionen und immer, wenn wir versuchen Dingen auf den Grund zu gehen, lohnt es sich, die Dreieinigkeit anzustreben : Ruhe, Mut, Gelassenheit. Zusammen ist das eine schlagkräftige, überzeugende Mischung.

Für den Erkenntnisgewinn ist es stets hilfreich, wenn wir uns nicht von unseren ersten Assoziationen, von unseren normativen Wertsetzungen und manchen Schnellschüssen mitreissen lassen – zumindest nicht unreflektiert.

Das Hans-Albert-Institut bietet zur Rationalität eine gleichermaßen wertvolle wie einfache Hilfe. Der nachstehende Ausschnitt stammt aus der sehr empfehlenswerten Broschüre Leidenschaft zur Vernunft. Kritischer Rationalismus als Lebenshaltung (S. 28-29).

Das Training ist eine Lebensaufgabe. Es lohnt sich.

Realität

KI-Wunder brauchen länger

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde und verspricht Wunder. Eigentlich würde der Begriff “Maschinelles Lernen” besser passen, aber der klingt etwas lahm.

Die Intelligenz beschränkt sich nämlich noch vielfach auf enorme Rechenleistung, das Abarbeiten vorgegebener Muster und das Analysieren und Interpretieren auf strukturelle, nicht aber semantische Art und Weise.

Im Freiheitslexikon habe ich einen Text mit dem Titel Erweiterte Intelligenz verfasst. Er beginnt mit dem Theodor Heuss Zitat: „Eines Tages werden Maschinen denken, aber sie werden niemals Fantasie haben.“ Dort skizziere ich vor allem Stationen, Hindernisse, Nutzen und Perspektive von KI. Johannes Kirnberger hat eben dort den Beitrag zur Künstlichen Intellligenz verfasst.

Aufregung und Erdung des Themas KI hat in einem gelungenen Artikel Fahri Karakas in Predict eingefangen. Die Überschrift deutet das an: What You Need to Know About GPT-3 And Why It Matters. An idiot’s guide to GPT-3 and what is to come.

GPT-3 ist ein als Wunder bezeichnetes Sprachwerkzeug, das auf Maschinellem Lernen beruht. Es kann wirklich eine Menge – von Inhalten analysieren, philosophieren über komponieren bis zu Filme mit Emojis zusammenfassen. Auch Unterhaltungen sind möglich.

Interessanter ist vielleicht, was GPT-3 nicht kann:

  • einen längeren Gedanken verfolgen und ausarbeiten!

Außerdem produziert es plausible, aber falsche Aussagen. Und es könnte genauso leicht plausible Fake News glaubwürdig verbreiten wie Phishing betreiben und mit verletzender Sprache Konflikte schüren.

Was nun? Maschinelles Lernen steht erst am Anfang. Solange wir unser eigenes Gehirn noch nicht richtig verstehen, aber schon ahnen, dass zur Bewusstseinsbildung und Intelligenz auch damit scheinbar unverbundene Körperfunktionen beitragen, werden Maschinen unser Leben verbessern, ohne Science-Fiction Realität werden zu lassen.

Um bis 2035 I, Robot zu erreichen, müssten wir richtig Gas geben.

Prognosen

Konjunkturprognosen mit begrenztem Wert

Konjunkturprognosen sind regelmäßig dann treffsicher, wenn es keine Trendänderung gibt. Überspitzt ließe sich sagen, dass den Experten die Fortschreibung der Vergangenheit gelingt. Krisen, externe Schocks, Rezessionen, deren Auswirkungen besonders interessant und relevant sind, werden jedoch überwiegend übersehen.

  • Die Wirtschaftsweisen haben in Deutschland lediglich zwei von sechs Rezessionen kommen sehen.
  • Die Finanz- und Staatsschuldenkrise wurde nicht prognostiziert.
  • Auch die Corona-Krise wurde nicht prognostiziert, ihre Auswirkungen korrigiert, z.B. im Gemeinschaftsgutachten 2020.

Je weiter die Prognose in die Zukunft reicht, desto weniger treffsicher fällt sie aus. Das zeigt die Eigenevaluation der Konjunkturprognosen des ifo-Instituts.

2005 lautete ein wissenschaftliches (wirtschaftshistorisches) Urteil, die Politik solle auf Konjunkturprognosen verzichten. Sowohl die Prognosen als auch dern Evaluation hätten sich in den letzten 40 Jahren nichts substanziell verbessert. Die Politik solle die Wirtschaftsforschungsinstitute diesbezüglich nicht mehr subventionieren. Im Grunde gelte das Diktum von Oskar von Morgenstern aus dem Jahr 1928:

Sie sollen die Prognose aufgeben.

IMF Kristallkugel kaputt

Anders denken

Die andere Intelligenz

Wir Menschen neigen dazu, in einfachen Ursache-Wirkung-Beziehungen zu denken. Wir mögen Einfachheit und Klarheit, entweder oder, die Aufteilung in Freund und Feind.

Es lohnt sich die Perspektive zu wechseln. Einfach einmal aufstehen und schauen, aufstehen und sich woanders hinsetzen. Ein Problem aus einer anderen, ungewohnten Perspektive, mit einer unliebsamen Theorie oder Wertehaltung betrachten, ist eine spannende Erfahrung – geradezu erhellend.

Bereits vor mehr als einem Dutzend Jahren hat Bernhard von Mutius dem alten Denken die Alternative der neuen Denkansätze gegenübergestellt.

Theorie

Ungeschehene Geschichte und unsere Zukunft

Der letzte Universalhistoriker Deutschlands, Alexander Demandt, hat vor fast 40 Jahren ein richtig gutes Buch geschrieben: Ungeschehene Geschichte. Es ist sein erfolgreichstes. Der kleine Band war ein Tabubruch in der Historikerzunft. Bis heute ist es ein kluges, weitsichtiges Buch. Teamwork bildet die Grundlage, da es auf zahlreichen Arbeiten und Einsichten von Studenten beruht, die in einem Seminar am Friedrich-Meinecke-Institut im Wintersemester 1983/84 mit ihren Arbeiten eine Grundlage schufen. Die “beknackte” Bürokratie sei auch erwähnt: Das Landesprüfungsamt wollte die Seminarscheine nicht anerkennen.

Warum ist das Buch so gut?

Im Mittelpunkt steht die von Nietzsche formulierte “kardinale Frage”:

“Was wäre geschehen, wenn das und das nicht eingetreten wäre?”

Behandelt wird nicht zuletzt das von Wilhelm von Humboldt kritisierte Streben: “Das allgemeine Bestreben der menschlichen Vernunft ist auf die Vernichtung des Zufalls gerichtet.” Dabei ist der Übergang zwischen Regel und Zukunft fließend wie Alexander Demandt treffend bemerkt. Das weißt auf unsere Neigung hin, konsistente und konsequente Geschichten herbei zu assoziieren und zu erzählen, weil sie uns so angenehm stringent erscheinen. Dabei spielt eine Rolle, dass es uns leichter fällt, “etwas Geschehenes wegzudenken, als etwas Ungeschehenes zu erfinden.” Das hat einen praktischen Grund: “Handlung bedeutet Veränderung”. Handeln ist nicht determiniert. Handlungsfolgen sind nicht determiniert. Gerade in Krisenmomenten spielen kleine Dinge eine große, verändernde Rolle. Schließlich sei an unsere scheinbar grenzenlose, tatsächlich eingeschränkte Phantasie erinnert, die stets mit bereits existierenden Versatzstücken arbeitet.

Tiefe Einsicht in geschichtliches Geschehen

Bessere Welt

So funktioniert Innovation

Innovation sind das wichtigste Phänomen der modernen Welt. Davon ist Matt Ridley überzeugt. Der britische Journalist und Sachbuchautor, Unternehmer und Adeliger (Viscount), hat ein lehrreiches Buch über Innovationen geschrieben. Eine zentrale Botschaft lautet, dass Innovationen eines mehr alles andere benötigen: Freiheit. Freiheit zum Austausch, zum Experimentieren, Freiheit zum Vorstellen, Investieren und Scheitern, Freiheit von Restriktionen und von (vorschnellen) Konsumenten.

Innovationen entstehen sobald Menschen frei denken können, experimentieren und spekulieren und wenn sie mit einander handeln können. Innovationen entstehen dort wo Menschen relativ wohlhabend sind und nicht verzweifelt. Innovationen entstehen überwiegend in Städten und benötigen Investitionen. Zudem gilt:

  • Innovationen sind der wichtigste Wohlstandstreiber und 
  • Innovationen verändern unser Leben vor allem dadurch, dass sie uns Menschen in die Lage versetzen, für einander zu arbeiten. 
  • Innovation ist meistens ein gradueller Prozess und
  • Innovationen sind sehr unbeliebt.  

Innovationen entstehen in einem Prozess der kontinuierlichen, sukzessiven Entdeckung von Wegen wie die Welt neu geordnet werden kann – sie ähneln damit der Evolution.

Matt Ridley macht deutlich, dass Innovation ein gradueller Prozess ist, an dem viele Menschen beteiligt sind und der durch Versuch und Irrtum gekennzeichnet ist. Wenn die erforderlichen Voraussetzungen vorhanden sind, z.B. Elektrizität, geeignete Drähte und passendes Glas etc., dann findet eine Innovation wie die Glühbirne häufig fast zur selben Zeit an verschiedenen Orten statt.

Erinnernswert ist die Unterscheidung zwischen Invention als Erfindung und Innovation als Nutzbarmachen von Neuem. Zugleich gilt, Innovationen sind überwiegend Rekombinationen vorhandener Technologien, Erkenntnisse und Verfahren.