Rezensionen

Unzeitgemäß

Manchmal erfüllen Bücher nicht die in sie gesteckten Erwartungen. Regelmäßig liegt das Problem beim Leser. Wilfried Röhrich erfüllt zumindest teilweise das, was er verspricht, nämlich eine Ideengeschichte, die von der Frankfurter Schule durchdrungen ist. 

In dem kleinen Band mit klarem Layout sind sieben Essays versammelt, ein sehr knapper über Machiavelli, gefolgt von Betrachtungen, die Hobbes, Rousseau, Marx und ein wenig Engels, ferner Max Weber, Robert Michels sowie Horkheimer und Adorno in der Herrschaftsperspektive gewidmet sind. 

Vielversprechend beginnt die Einleitung mit drei hier hervorgehobenen Aspekten: 

1. Interessen statt Ideen bestimmten gesellschaftliche Lösungen.

2. Die ideengeschichtlichen Betrachtungen würden Kontext bezogen statt rein geistesgeschichtlich erfolgen.

3. Gegenwartsbezogene Fragestellungen sollen die Untersuchungen leiten und damit das Zustandekommen der bürgerlichen Gesellschaft erklären.

Zudem bemerkt der langjährige Direktor des Kieler Instituts für Politische Wissenschaft „Gemeinwohl meint dann das Wohl einer bestimmten Gruppe, Schicht oder Klasse“. Wie sollte es jemals anders sein, ließe sich fragen.

Kritik der Kritischen Philosophie

An dieser Stelle ist es nicht möglich eine detaillierte Erörterung der gedankenreichen Ausführungen vorzunehmen. Stattdessen müssen einige kritische Anmerkungen zur kritischen politischen Philosophie genügen. Dazu gehört zeitlos:

Zitat des Tages

Data are dump, analysts can be smart

“If I could sum up the message of this book in one pithy phrase, it would be that you are smarter than your data. Data do not understand causes and effects; humans do.”

Judea Pearl: The Book of Why. The New Science of Cause and Effect

MvP: That‘s an important lesson and part of the causal revolution Judea Pearl illustrates in great depth. This is especially important in an era which seems to be driven by numbers. Statements not immediately supported by statistics are far too often regarded as unsound.

However, even if data tell you that people recovered faster having taken medicine, nothing is known about the reason. In fact it remains unclear, whether or not medicine had any effect. 

To take it one step further: Artificial intelligence or better to say machine learning seems to be rather impressive but has nothing to do with intelligence. Data and machines lack a model of reality. And that is exactly what Judea Pearl wanted to show: „data are profoundly dumb.

Prognosen

Vorhergesagt: Emmanuel Todd sah den Arabischen Frühling kommen

Manche Vorhersagen kommen unzeitgemäß. Manche kommen auf unerwartbare Weise zustande. Beides gilt für den französischen Historiker, Demograph und Anthropologen Emmanuel Todd. Er hatte bereits vor rund 15 Jahren die arabische Revolution vorausgesagt, die sich aktuell zum zehnten Mal jährt.

In Buchform veröffentlichte er 2007 zusammen mit Youssef Courbage “Die unaufhaltsame Revolution”. Vorausgegangen waren umfangreiche Untersuchungen zur Alphabetisierung arabischer Gesellschaften und deren als entscheidend angesehenen Einfluss auf die Geburtenrate.

Todd und Courbage urteilten, der Eintritt in die Moderne werde durch den Fall der Geburtenrate eingeleitet, der Transformationsprozess der demographischen Revolution selbst sei wesentlich durch die Familienstrukturen bestimmt. Begleitet würden die Umwälzungen von einer Säkularisierung. Auch der Islam könne, wie schon die Kirchen im Westen zuvor, den Trend zur Modernisierung und zur Kleinfamilie nicht aufhalten.

Extremisten würden davon lediglich im Übergangsstadium profitieren. Dementsprechend seien Gewaltausbrüche und Radikalisierungen kein Anzeichen für ein Zurückfallen der Region, sondern vielmehr für einen Umbruch oder Aufbruch in die Moderne. Die führenden Köpfe des Institut d’Etudes Démographiques konstatierten, dass auch die Aufklärung von Widerstand und Gewalt begleitet worden sei.

In einem Interview, das in dem kleinen Band “Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet” (Piper 2011) abgedruckt ist, beschreibt Emmanuel Todd de Mechanismus wie folgt:

“In diesem Buch geht es um den Eintritt der arabischen Welt in einen universellen Prozess, in die Massenalphabetisierung, jenen historischen Augenblick, an dem deutlich wird, dass alle Individuen einer Gesellschaft in einem Alter über sechs oder zehn Jahren lesen und schreiben können. So werden sie in der Lage sein, an einer gemeinsamen Kultur teilzuhaben: Daraufhin folgen in einer natürlichen Abfolge ein Geburtenrückgang, ein wirtschaftlicher Aufschwung und selbstverständlich eine politische Demokratisierung. Dabei bleiben Wirren des Übergangs und die Gewalt, welche die Desorientierung angesichts der Moderne auslöst, offenbar nicht aus.”

Auf die Frage, ob Todd der Zeitpunkt der Revolutionen trotz seiner Prognose überrascht hätte, antwortete der Franzose:

“Der Zeitpunkt, wenn die Ereignisse losgehen, kommt natürlich immer überraschend.”

Aus Fehlern lernen

Understand before you intervene

If you want to fix something, you are first obliged to understand the whole system. Intervening is a way of causing trouble.”

Lewis Thomas (1913-1993), American physician, poet & much more.

MvP: So true! And must be applied whenever dealing with systems and emerging orders, i.e. medicine, economy, society, language – you name it.

Rezensionen

Spekulationen über Hyperintelligenz

Stehen wir am Beginn eines neuen erdgeschichtlichen Zeitalters?

Folgt nach dem Anthropozän, das mit der Erfindung der Dampfmaschine begonnen haben soll, aufgrund der Erfindung der Künstlichen Intelligenz (KI) nun das Zeitalter der Hyperintelligenz?

Werden künstlich intelligente, rasend schnell denkende Wesen (Cyborgs) die Entwicklung der Welt dominieren und uns auf den zweiten Platz verweisen – so ähnlich wie wir Bäume und Sträucher wahrnehmen?

Für James Lovelock lautet die Antwort auf jede der Fragen: ja.
Meine Antwort lautet: Ich weiß es nicht, halte aber ein “nein” stets für realistischer.

Warum?

  1. Amara’s Law: Wir neigen dazu, die kurzfristige Auswirkungen technologischer Entwicklungen zu überschätzen und die langfristigen, allmählichen zu unterschätzen.
  2. Innovation ist ein gradueller Prozess, an dem viele Menschen beteiligt sind, der durch Versuch und Irrtum gekennzeichnet ist, der durch viele Widerstände aufgehalten wird.
  3. KI wird drastisch überschätzt. KI bewegt sich überwiegend auf der stochastischen Ebene mit der Folge, dass nur entlang des Auftrags und der Regeln gelernt werden kann. Weil wir unser Gehirn und unseren Organismus noch zu wenig verstehen, tun wir uns schwer, echte Intelligenz künstlich zu erschaffen.
Narrative

Sehen was man ist

Wir sehen nicht die Dinge, wie sie sind.
Wir sehen die Dinge, wie wir sind.”

MvP: Wahrnehmung ist ein selektiver Prozess – aus Selektieren, Interpretieren und Bewerten.

Aus Fehlern lernen

Staatliche Wohnungsverknappung stoppen

Geschichte wiederholt sich. Und die nicht daraus lernen wollen, verschlechtern die Zukunft.

Same old story: Die Nachfrage nach Wohnungen steigt, aktuelles Beispiel Berlin steigt, das Immobilienangebot hält nicht Schritt.

Binnen 10 Jahren seit 2011: +10% Bevölkerungswachstum und nur +5% Immobilienbestand.

Folge: Die Preise steigen. Der Koordinations- und Knappheitsanzeiger funktioniert.

Die Thermometerstürmer, der Berliner Senat, wollen keine Information, aber Klientelpolitik. Die Rot-Rot-Grüne Landesregierung hat ein Gesetz erlassen, mit einem Preisstopp und einer Preissenkung für Mieten.

Begünstigte: Wohlhabende in großen Altbauwohnungen und teuren Lagen, weitaus weniger hingegen normale Bürger.

Diskriminierte: Untere Mittelschicht, durch sinkendes Angebot. Zuzügler.

Weitere Folgen: Grosse Vermieter haben Investitionen massiv gesenkt. Es wird weniger gebaut und renoviert als möglich. Beziehungen sind alles, weil Wohnungen nunmehr unter der Hand vergeben werden. Rechtsunsicherheit, weil über die Verfassungsmäßigkeit entschieden wird.

Zudem ist eine Interventionsspirale absehbar. Neubauten sind nicht vom Gesetz betroffen und verteuern sich entsprechend.

Henry Hazlitt schrieb 1947 in Economics in One Lesson:

3 Szenarien

3 Szenarien

Niemand kann wissen, wie die Welt 2076 aussehen wird.

Auch ich weiß es nicht.

Wir Menschen können immerhin Bilder von der Zukunft entwerfen. Eine simple Methode ist die Kreativitätstechnik: Szenarien bilden.

Üblicherweise werden drei Szenarien entworfen: gut – mittel – schlecht.

Gut: Eine glänzende Zukunft erwarten derzeit wohl nur wenige Menschen in Deutschland, Europa, dem Westen. Gleichwohl gibt es auch Anlass zu Optimismus. 2076 könnten weitere Krankheiten ausgerottet sein, wie gerade erst Polio auf dem afrikanischen Kontinent im Jahr 2020. Die Medizin wird (weiter) beträchtliche Fortschritte machen, was den Zahnarztbesuch noch angenehmer macht genauso wie den zum Standard gewordenen Austausch von verbrauchten Körperteilen. Noch mehr Freizeit, gesündere Ernährung, hochwertiges Wohnen und weiter verbesserten Transport von Menschen und Gütern könnte dazu gehören – die virtuellen Welten werten weit entwickelt sein. Die Vernetzung von Wissen und weltweiter Arbeitsteilung hat neue Innovationspotenziale erschlossen und unsere Arbeitswelt verändert. Der Alltag der allermeisten Menschen spielt sich in Städten ab. Wird es nach der großen Individualisierung eine Rückkehr zu mehr Gemeinschaft geben? Mit der Zunahme globalen Wohlstands und der Integration weiter Teile Afrikas wird die Umwelt sauberer sein. Eine wohlhabendere, sauberere und sicherere globale Gesellschaft nimmt Formen an.

About

What is it all about?

2076. That’s 55 years ahead. More than a generation, almost 2.

Nobody knows how the world will look, how life is treating us in the distant future. What will the state of the economy be? What about the climate? At least the state will exist. And even more important, people will continue to improve their lives.

This blog is about the present and past in light of the future. It is about perspectives on emerging orders.

Narrative

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die richtige Wirklichkeit ist.

Hilde Domin (1909-2006), deutsche Schriftstellerin, studierte Jura und VWL, lebte in Rom, emigrierte 1939 nach England und über Kanada in die Dominikanische Republik, kehrte 1954 nach Deutschland zurück.

MvP: Perspektivenreichtum führt zu Erkenntnisreichtum. Wir neigen zu sehr dazu, unsere Sicht, unsere Erzählung und Überzeugung auszubreiten und gegen andere zu verteidigen. Dabei spricht nichts dagegen, andere Perspektiven wahrzunehmen und ihnen etwas abzugewinnen, ohne eigene Erkenntnisse aufgeben zu müssen.