Spekulationen über Hyperintelligenz

Stehen wir am Beginn eines neuen erdgeschichtlichen Zeitalters?

Folgt nach dem Anthropozän, das mit der Erfindung der Dampfmaschine begonnen haben soll, aufgrund der Erfindung der Künstlichen Intelligenz (KI) nun das Zeitalter der Hyperintelligenz?

Werden künstlich intelligente, rasend schnell denkende Wesen (Cyborgs) die Entwicklung der Welt dominieren und uns auf den zweiten Platz verweisen – so ähnlich wie wir Bäume und Sträucher wahrnehmen?

Für James Lovelock lautet die Antwort auf jede der Fragen: ja.
Meine Antwort lautet: Ich weiß es nicht, halte aber ein “nein” stets für realistischer.

Warum?

  1. Amara’s Law: Wir neigen dazu, die kurzfristige Auswirkungen technologischer Entwicklungen zu überschätzen und die langfristigen, allmählichen zu unterschätzen.
  2. Innovation ist ein gradueller Prozess, an dem viele Menschen beteiligt sind, der durch Versuch und Irrtum gekennzeichnet ist, der durch viele Widerstände aufgehalten wird.
  3. KI wird drastisch überschätzt. KI bewegt sich überwiegend auf der stochastischen Ebene mit der Folge, dass nur entlang des Auftrags und der Regeln gelernt werden kann. Weil wir unser Gehirn und unseren Organismus noch zu wenig verstehen, tun wir uns schwer, echte Intelligenz künstlich zu erschaffen.

Das Buch

James Lovelock ist ein 100 Jahre alter, britischer Ingenieur, der viel erlebt und erfunden hat und der viel zu erzählen hat. Novozän ist eine spekulative Erzählung im wissenschaftlichen Gewand, eine erstaunlich einfache lineare Konstruktion der Zukunft. Unterhaltsam, sicherlich. Der Leser hält ein schönes Buch in den Händen, mit kurzen Kapitel, die in drei Teile gegliedert sind:
Teil Eins: Der wissende Kosmos – skizziert Lovelocks These.
Tel Zwei: Das Zeitalter des Feuers – warnt vor der Fragilität unserer Existenz.
Teil Drei: Ins Novozän – spekuliert über ein hyperintelligentes Zeitalter.

Bewertungen

Interessant ist die Auffassung von der Erde als selbstregulierendes System (Gaia-Hypothese). Problematisch wird es, wenn der Anschein erweckt wird, diese gleiche einem eigenen Lebewesen.

Diskutabel sind die skizzierten, vielfach dramatisierten Gefahren. An erster Stelle steht die Bedrohung durch Asteroiden. An zweiter Stelle befürchtet Lovelock eine dramatische Erwärmung, die maximal zur Hälfte durch die Menschen und mindestens ebenso bedrohlich durch Vulkane verursacht werden könnte. Der Schlüsselsatz lautet:

Wie so oft in der Klimaforschung wissen wir es einfach nicht.

Atomenergie sieht Lovelock als die derzeit beste Lösung zur Energieversorgung an und weist Grüne Ideologien in die Schranken.

Teilweise reflektiert, teilweise romantisierend wirkt Lovelocks Verhältnis zur Natur. Dazu gehören gewagte Mutmassungen wie, der Planet bevorzuge wahrscheinlich einen Zustand dauernder Vergletscherung.

Insgesamt fällt die unökonomische Denkweise auf. Ein scheinbar fehlendes Verständnis sozialer Systeme, der Fähigkeit zur Koordination und Innovation, zur Anpassung und zum zeitgemäßen Umgang mit Herausforderungen verschwindet hinter Großgefahren und Geozeitaltern sowie seinem Glauben an eine elektronische Nachfolgezivilisation.

Die größte Diskrepanz besteht jedoch in der Erkenntnis unseres begrenzten Wissens über dynamische Systeme und über eine mehrdimensionale Realität einerseits sowie einer linearen, “abgefahrenen” Zukunftsspekulation mit Cyborgs binnen 100 Jahren.

Helfen könnte die Beschäftigung mit dem Forschungsstand zu Rationalität und Intuition (Simon, Kahneman, Gigerenzer). Wir benötigen beide und die Reflexion über ihre jeweiligen Grenzen. Dann können wir dynamische Systeme (besser) modellieren. Aussagen über kommende Zeitalter übersteigen unsere menschlichen Fähigkeiten.

James Lovelock: Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz, C. H. Beck, München 2020, 159 S., 18 Euro.

Weitere Informationen:
Erweiterte Intelligenz, in: Freiheitslexikon, von Michael von Prollius
Künstliche Intelligenz, in: Freiheitslexikon, von Johannes Kirnberger

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