Aus Fehlern lernen

Priming von Zukunftsperspektiven

Werden Schüler an deutschen Schulen mit reduzierten Perspektiven auf die Zukunft geimpft? Das scheint für die BRD und DDR gegolten zu haben und gilt noch heute. Interessanterweise geschieht das in Geschichtslehrbüchern. 

Die Basisnarrative, die in der Schule eingeübt werden, hat Sabrina Schmitz-Zerres in ihrer Dissertation „Die Zukunft erzählen. Inhalte und Entstehungsprozesse von Zukunftsnarrationen in Geschichtsbüchern von 1950 bis 1995“ untersucht – und zwar sowohl deren inhaltlich-thematische Ausgestaltung als auch den Zulassungsprozess bis zur Veröffentlichung.

Die „zeitgenössischen Zukunftsbeschreibungen” im Geschichtslehrbuch „wirken auf das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft ein, was durch ihre Verwendung in der schulischen Geschichtsvermittlung auch intendiert ist. Es handelt sich bei diesen Narrativen um Deutungen, die die Offenheit von Zukunft reduzieren und ein Geschichtsbild von Kontinuität vermitteln.“ wie der Besprechung durch Wolfgang Jacobmeyer in sehepunkte zu entnehmen ist.

Theorie

Ungeschehene Geschichte und unsere Zukunft

Der letzte Universalhistoriker Deutschlands, Alexander Demandt, hat vor fast 40 Jahren ein richtig gutes Buch geschrieben: Ungeschehene Geschichte. Es ist sein erfolgreichstes. Der kleine Band war ein Tabubruch in der Historikerzunft. Bis heute ist es ein kluges, weitsichtiges Buch. Teamwork bildet die Grundlage, da es auf zahlreichen Arbeiten und Einsichten von Studenten beruht, die in einem Seminar am Friedrich-Meinecke-Institut im Wintersemester 1983/84 mit ihren Arbeiten eine Grundlage schufen. Die “beknackte” Bürokratie sei auch erwähnt: Das Landesprüfungsamt wollte die Seminarscheine nicht anerkennen.

Warum ist das Buch so gut?

Im Mittelpunkt steht die von Nietzsche formulierte “kardinale Frage”:

“Was wäre geschehen, wenn das und das nicht eingetreten wäre?”

Behandelt wird nicht zuletzt das von Wilhelm von Humboldt kritisierte Streben: “Das allgemeine Bestreben der menschlichen Vernunft ist auf die Vernichtung des Zufalls gerichtet.” Dabei ist der Übergang zwischen Regel und Zukunft fließend wie Alexander Demandt treffend bemerkt. Das weißt auf unsere Neigung hin, konsistente und konsequente Geschichten herbei zu assoziieren und zu erzählen, weil sie uns so angenehm stringent erscheinen. Dabei spielt eine Rolle, dass es uns leichter fällt, “etwas Geschehenes wegzudenken, als etwas Ungeschehenes zu erfinden.” Das hat einen praktischen Grund: “Handlung bedeutet Veränderung”. Handeln ist nicht determiniert. Handlungsfolgen sind nicht determiniert. Gerade in Krisenmomenten spielen kleine Dinge eine große, verändernde Rolle. Schließlich sei an unsere scheinbar grenzenlose, tatsächlich eingeschränkte Phantasie erinnert, die stets mit bereits existierenden Versatzstücken arbeitet.

Tiefe Einsicht in geschichtliches Geschehen