Anders denken

In Systemen denken

Wir leben in einer komplexen, dynamischen Welt. Unser Denken ist dem nicht von allein gewachsen. Intuition reicht nicht aus, um Handlungsmöglichkeiten und deren Folgen abzuschätzen. Lineares Denken, das uns sehr zu eigen ist, ebenfalls nicht.

Eine hilfreiche Form des Denkens ist das Denken in Systemen. Albert Rutherford bietet mit seinem einfachen Einstiegsband “The Elements of Thinking in Systems” eine Einstiegsoption.

Nach einer übersichtlichen Einführung in das Systemdenken und seine wissenschaftlichen Ursprünge folgen 4 Kapitel, die Grundlagen vermitteln, und 9 weitere die Archetypen präsentieren. Im Mittelpunkt steht im wieder eine Fallstudie des Unternehmens AcmeInc.

Die Archetypen sind:

  1. Shifting the Burden, d.h. ein Problem verschwindet in einem Bereich und taucht in einem anderen auf, wo es noch mehr Ressourcen beansprucht.
  2. Limits to Success, d.h. Wachstum erfordert immer mehr Ressourceneinsatz und kann deshalb nicht mit derselben Intensität aufrechterhalten werden.
  3. Tragedy of the Commons, d.h. Übernutzung einer gemeinschaftlichen Ressource.
  4. Accidential Adversaries, d.h. unbeabsichtigte Schädigung eines Partner, die zu einer Gegnerschaft führt.

Von den weiteren Archeytypen sei noch erwähnt Success to the Successful, d.h. die Erfolgreichen werden aufgrund ihres Vorsprungs immer erfolgreicher und nicht aufgrund ihrer Bemühungen. Umgekehrt gilt das auch für die Verlierer als Abwärtsspirale.

Insbesondere der in die Sprache und das Systemdenken einführende Teil des Buches hilft beim Nachdenken über Kausalitäten. Unterstützung bieten dabei Kausaldiagramme. Das ermöglicht es Symptome von Ursachen zu trennen.

Der Band ist vorwiegend für den Business-Kontext konzipiert. Das Denken ist indes mindestens ebenso für Politik und Gesellschaft geeignet.

Prognosen

Supercomputer flopt – erwartungsgemäß

Die Sehnsucht nach zutreffenden Prognosen ist groß. Schon in der Antike orakelte es, nicht nur in Delphi, einer exzellenten Informationsbörse ohne Glaskugel.

Nützlich sind Vorhersagen in vielen Bereichen. Ein Beispiel ist das Wetter. Zugleich weisen die ständigen Wechsel der Vorhersagen, sobald diese drei Tage überschreiten, auf die Grenzen der Vorhersage von komplexen Systemen hin. Nur gut, dass beim Klima die Entwicklung sonnenklar ist.

Nachdem bei Schach und AlphaGo Computer Menschen schlagen konnten, schien das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz angebrochen zu sein. Längst werden indes die Grenzen der optimistischen Annahmen über das Lernen von Maschinen deutlich. Ein Beispiel ist der Sport.

Ein Super Computer hat den Ausgang der Fußball Europameisterschaft vorhergesagt. Die menschlichen Betreiber rühmten die 20 Jahre umfassende Datenbank und die vielen Rechenläufe.

“We’ve tapped into the breadth of our technical capabilities to simulate the tournament, processing millions of data points from the last 20 years in order to identify the winning team.

Auch korrekt vorhergesagte Ergebnisse wurden in einer Zwischenbilanz in den Vordergrund gestellt. Auffällig war die kurze Liste wegen der Aufteilung von wenigen korrekt prognostizierten Ergebnissen und einigen zutreffenden Spielausgängen ohne korrekte Tore.

Insgesamt kann man von einem totalen Flop sprechen. Ein Flop mit Ansage. Schon die Gruppenphase lief nicht gut für den Super Computer, mit dem Achtefinale wurde es noch schlechter, die konkrete Spielvorhersage Dänemark – England war ein Desaster.

Personen

Moderne Prognosen, hier: Kanzler Laschet (68%) regiert mit Schwarz-Grün (54%)

Die Prognose-Verfahren werden laufend verbessert.

Diente das Orakel von Delphi noch als Informationsbroker, ermöglichen inzwischen mindestens zwei entscheidende Neuerungen bessere Prognosen. So hat sich in den letzten Jahren und wenigen Jahrzehnten ein Methoden-Kanon herauskristallisiert, der die Auswertung statistischer Daten und kausaler Beziehungen auf eine systematische Grundlage stellt. Hinzu kommen die enormen Steigerungen der Rechenleistungen.

Eine beliebtes Anwendungsgebiet von Prognosen ist vergleichsweise simpel, weil die Komplexität beherrschbar ist. Die Rede ist offensichtlich von Wahlen. In den USA gibt es zahlreiche Ansätze mit unterschiedlicher Methodik. In Deutschland gibt es einen interessanten neuen Player: die INWT Statistics GmbH.

Der Ansatz beruht auf einem Modell, einem dynamischen, mehrebenen Bayes Model. Das ist vereinfacht gesagt deshalb hilfreich, weil mit einem Modell die Wirklichkeit der Wahlentscheidungen und Koalitionsmöglichkeiten abgebildet wird. Hinzu kommt, dass bedingte Wahrscheinlichkeiten gut mit Bayes’schen Modellen bearbeitet werden können.

Als Daten werden sowohl Umfragen als auch vergangenen Wahlergebnisse und Expertengespräche genutzt. Letzere sind vor allem für die Partei-Präferenzen der Koalitionsbildung hilfreich.

Und, wie sieht die nächste Regierung aus? Diese Frage lässt sich in Teilfragen zerlegen:

  • Wer wird der nächste Bundeskanzler? Nach derzeitigem Stand Armin Laschet mit 68% Wahrscheinlichkeit.
  • Welche Parteien werden die Regierung bilden? Schwarz-Grün mit 54% Wahrscheinlichkeit.
  • Die Wahrscheinlichkeit für eine Ampel beträgt nur 12% und für Schwarz-Grün-Gelb nur 10%.
  • Der Forecast für die Partei-Ergebnisse weist naturgemäß einen erheblichen Unsicherheitsbereich auf. CDU/CSU liegen klar vorn mit gut 27%, gefolgt von den Grünen mit fast 23%. Die SPD erreicht nicht ganz 15%, gefolgt von AfD mit 11% und FDP von gut 10%.
  • Bemerkenswert sind weitere Prognosen: Die Wahrscheinlichkeit einer Schwarz-Grünen Mehrheit liegt bei über 80% und die der Ampel bei über 66%, während Rot-Rot-Grün nur eine 29%oge Wahrscheinlichkeit auf eine Mehrheit hat.

Je näher die Wahl rückt, umso wichtiger dürften die Aktualisierung und die Belastbarkeit von Prognosen werden.

 

Anders denken

Jede Politik enthält eine Prognose

Jede Politik enthält ein Versprechen. Mehr Sicherheit, mehr Diversität, mehr Gleichheit, weniger Klimawandel, früher auch bessere Standortbedingungen, inzwischen stets ein Bekämpfen von irgendetwas. 

Jedes politische Versprechen beruht auf einem vielfach impliziten Ursache-Wirkung-Zusammenhang, z.B. weniger CO2 => weniger Erderwärmung; weniger Bürokratie und bessere Infrastruktur => bessere Bedingungen für Unternehmen – mehr Arbeitsplätze und Produkte – mehr Wirtschaftswachstum.

Selten wird derzeit auf Politik geschaut und gefragt: Welche Prognose liegt der Politik zugrunde? Und im Anschluss daran: Ist diese Prognose gut begründet? 

Aus Fehlern lernen

Priming von Zukunftsperspektiven

Werden Schüler an deutschen Schulen mit reduzierten Perspektiven auf die Zukunft geimpft? Das scheint für die BRD und DDR gegolten zu haben und gilt noch heute. Interessanterweise geschieht das in Geschichtslehrbüchern. 

Die Basisnarrative, die in der Schule eingeübt werden, hat Sabrina Schmitz-Zerres in ihrer Dissertation „Die Zukunft erzählen. Inhalte und Entstehungsprozesse von Zukunftsnarrationen in Geschichtsbüchern von 1950 bis 1995“ untersucht – und zwar sowohl deren inhaltlich-thematische Ausgestaltung als auch den Zulassungsprozess bis zur Veröffentlichung.

Die „zeitgenössischen Zukunftsbeschreibungen” im Geschichtslehrbuch „wirken auf das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft ein, was durch ihre Verwendung in der schulischen Geschichtsvermittlung auch intendiert ist. Es handelt sich bei diesen Narrativen um Deutungen, die die Offenheit von Zukunft reduzieren und ein Geschichtsbild von Kontinuität vermitteln.“ wie der Besprechung durch Wolfgang Jacobmeyer in sehepunkte zu entnehmen ist.

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Entscheidungen fällen unter Unsicherheit

Das ist unser Alltag: Entscheidungen fällen unter Unsicherheit. Erfolgreiche Unternehmer fällen Entscheidungen, die vorteilhaft für das Unternehmen, die Mitarbeiter und vor allem die Kunden sind.

Besonders herausgefordert unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen ist und waren im Pandemie-Jahr Politiker und Bürokraten – kurz: der Staat. Die Performance ist schlecht. Dabei gibt es Hilfsmittel (wie im Beitrag zs. mit Johannes Bachmann skizziert: Unsicherheiten mithilfe von Was-Wäre-Wenn-Szenariotechniken reduzieren)

In “Radical uncertainty. Decision-making for an unknowable future” haben John Kay und Mervyn King das Thema aus verschiedenen Perspektiven bedacht.

Besonders gut gefällt mir der Einstieg mit einem Hayek-Zitat aus seiner Nobelpreisrede:

„I prefer true but imperfect knowledge, even if it leaves much indetermined and unpredictable, to a pretence of exact knowledge that is likely to be false.“

Wenn man eine Botschaft aus dem facettenreichen Buch mitnehmen möchte, dann vielleicht die: Radikale Unsicherheit umgibt uns viel öfter als uns bewusst ist. Im Umgang damit gibt es keine einfachen Antworten. Die wesentliche Aufgabe besteht darin, die Unsicherheit und das, was dahinter steht, zu verstehen. Eine robuste Strategie und eine gute Erzählung helfen bei der Bewältigung.

Radical Uncertainty

John Kay war von 2003-2013 Gouverneur der Bank of England, der englischen Zentralbank, und ist derzeit Prof. für Wirtschaft und Recht an der New York University und der London School of Economics. Angesichts der tief gehenden Überlegungen steht unweigerlich die Frage im Raum, ob der oberste Zentralbanker sich entsprechend verhalten hat.
Mervyn King ist Ökonom, Publizist und derzeit Fellow am St. John‘s College Oxford, wo er u.a. zuvor  lehrte. Zudem war er Direktor mehrerer Staatsunternehmen.

Prognosen

Nie wieder viel Schnee?

Manche Prognose geht in die Hose. Irrige Klima-Prognosen gibt es zuhauf.

Im Südwesten Berlins sind gerade -7 Grad Celsius. Am Montagmorgen sollen es -10 Grad sein. Der Schlachtensee ist zugefroren. Am Ende der Woche dürfte er gut begehbar sein angesichts anhaltend bis zu zweistelliger Minusgrade. Cum grano salis ist das alle sieben Jahre der Fall, behaupte ich.

Mojib Latif ist ein deutscher Meteorologe, war langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie und ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

In einem Interview mit dem Spiegel im Jahr 2000 konstatierte Latif:

“Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben”

Der Spiegel schrieb einleitend: “In Deutschland gehören klirrend kalte Winter der Vergangenheit an.”

n-tv meldet aktuelle (07.02.2021): Extremwinter macht Einsatzkräften zu schaffen. Außerdem in: Die Wetterwoche im Schnellcheck – Schnee und Eiseskälte kommen über das ganze Land.

In Warschau herrschen ähnliche Temperaturen. Das gilt im Übrigen für ganz Skandinavien, Mittel- und Osteuropa.

Prognosen

Konjunkturprognosen mit begrenztem Wert

Konjunkturprognosen sind regelmäßig dann treffsicher, wenn es keine Trendänderung gibt. Überspitzt ließe sich sagen, dass den Experten die Fortschreibung der Vergangenheit gelingt. Krisen, externe Schocks, Rezessionen, deren Auswirkungen besonders interessant und relevant sind, werden jedoch überwiegend übersehen.

  • Die Wirtschaftsweisen haben in Deutschland lediglich zwei von sechs Rezessionen kommen sehen.
  • Die Finanz- und Staatsschuldenkrise wurde nicht prognostiziert.
  • Auch die Corona-Krise wurde nicht prognostiziert, ihre Auswirkungen korrigiert, z.B. im Gemeinschaftsgutachten 2020.

Je weiter die Prognose in die Zukunft reicht, desto weniger treffsicher fällt sie aus. Das zeigt die Eigenevaluation der Konjunkturprognosen des ifo-Instituts.

2005 lautete ein wissenschaftliches (wirtschaftshistorisches) Urteil, die Politik solle auf Konjunkturprognosen verzichten. Sowohl die Prognosen als auch dern Evaluation hätten sich in den letzten 40 Jahren nichts substanziell verbessert. Die Politik solle die Wirtschaftsforschungsinstitute diesbezüglich nicht mehr subventionieren. Im Grunde gelte das Diktum von Oskar von Morgenstern aus dem Jahr 1928:

Sie sollen die Prognose aufgeben.

IMF Kristallkugel kaputt

Prognosen

Vorhergesagt: Emmanuel Todd sah den Arabischen Frühling kommen

Manche Vorhersagen kommen unzeitgemäß. Manche kommen auf unerwartbare Weise zustande. Beides gilt für den französischen Historiker, Demograph und Anthropologen Emmanuel Todd. Er hatte bereits vor rund 15 Jahren die arabische Revolution vorausgesagt, die sich aktuell zum zehnten Mal jährt.

In Buchform veröffentlichte er 2007 zusammen mit Youssef Courbage “Die unaufhaltsame Revolution”. Vorausgegangen waren umfangreiche Untersuchungen zur Alphabetisierung arabischer Gesellschaften und deren als entscheidend angesehenen Einfluss auf die Geburtenrate.

Todd und Courbage urteilten, der Eintritt in die Moderne werde durch den Fall der Geburtenrate eingeleitet, der Transformationsprozess der demographischen Revolution selbst sei wesentlich durch die Familienstrukturen bestimmt. Begleitet würden die Umwälzungen von einer Säkularisierung. Auch der Islam könne, wie schon die Kirchen im Westen zuvor, den Trend zur Modernisierung und zur Kleinfamilie nicht aufhalten.

Extremisten würden davon lediglich im Übergangsstadium profitieren. Dementsprechend seien Gewaltausbrüche und Radikalisierungen kein Anzeichen für ein Zurückfallen der Region, sondern vielmehr für einen Umbruch oder Aufbruch in die Moderne. Die führenden Köpfe des Institut d’Etudes Démographiques konstatierten, dass auch die Aufklärung von Widerstand und Gewalt begleitet worden sei.

In einem Interview, das in dem kleinen Band “Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet” (Piper 2011) abgedruckt ist, beschreibt Emmanuel Todd de Mechanismus wie folgt:

“In diesem Buch geht es um den Eintritt der arabischen Welt in einen universellen Prozess, in die Massenalphabetisierung, jenen historischen Augenblick, an dem deutlich wird, dass alle Individuen einer Gesellschaft in einem Alter über sechs oder zehn Jahren lesen und schreiben können. So werden sie in der Lage sein, an einer gemeinsamen Kultur teilzuhaben: Daraufhin folgen in einer natürlichen Abfolge ein Geburtenrückgang, ein wirtschaftlicher Aufschwung und selbstverständlich eine politische Demokratisierung. Dabei bleiben Wirren des Übergangs und die Gewalt, welche die Desorientierung angesichts der Moderne auslöst, offenbar nicht aus.”

Auf die Frage, ob Todd der Zeitpunkt der Revolutionen trotz seiner Prognose überrascht hätte, antwortete der Franzose:

“Der Zeitpunkt, wenn die Ereignisse losgehen, kommt natürlich immer überraschend.”