Rezensionen

Die Zeit duften lassen

Ein erfülltes Leben resultiert nicht aus der Fülle des Lebens, sondern aus einer besonderen Synthese in deren Mittelpunkt das kontemplative Leben steht (vita contemplativa). Mit dieser Überlegung wandte sich der koreanische, in Berlin lehrende Philosoph Byung-Chul Han bereits vor über 10 Jahren gegen den Zeitgeist und somit gegen verbreitete Auffassungen über die Beschleunigung unseres Lebens. Das Gefühl einer allgemeinen Beschleunigung stellt für Han lediglich ein Symptom der „Dyschronie“ dar, einer tiefer liegenden Störung der Zeitwahrnehmung angesichts eines Verlusts von Lebenssinn und Lebensmitte im Zuge permanenter Aktivitäten. Entschleunigung könne keine Abhilfe sein.

Die Zeit zwischen Events, zwischen herausgehobenen Zeitpunkten, sei eine leere Zeit. Der Versuch durch mehr Events oder eine Verkürzung der Leere mehr Lebenswert zu schaffen, stehe dem kontemplativen Leben entgegen, denn

Die Zeit beginnt zu duften, wenn sie eine Dauer gewinnt.“

bemerkt Han. 

Die heutige Zeit sei stark kinematographisch geprägt, also eine Abfolge von bloß Visuellem. Die Gegenwart werde immer kürzer und gedrängter – wir zappen uns gleichsam durch flüchtige Momente. Der Duft sei hingegen eine Erscheinung ohne Dauer, konstatiert Han:

Allein in der Tiefe des Seins tut sich ein Duft auf, wo alle Dinge sich anschmiegen und miteinander kommunizieren. Gerade diese Freundlichkeit des Seins lässt die Welt duften.