Vorhergesagt: Emmanuel Todd sah den Arabischen Frühling kommen

Manche Vorhersagen kommen unzeitgemäß. Manche kommen auf unerwartbare Weise zustande. Beides gilt für den französischen Historiker, Demograph und Anthropologen Emmanuel Todd. Er hatte bereits vor rund 15 Jahren die arabische Revolution vorausgesagt, die sich aktuell zum zehnten Mal jährt.

In Buchform veröffentlichte er 2007 zusammen mit Youssef Courbage “Die unaufhaltsame Revolution”. Vorausgegangen waren umfangreiche Untersuchungen zur Alphabetisierung arabischer Gesellschaften und deren als entscheidend angesehenen Einfluss auf die Geburtenrate.

Todd und Courbage urteilten, der Eintritt in die Moderne werde durch den Fall der Geburtenrate eingeleitet, der Transformationsprozess der demographischen Revolution selbst sei wesentlich durch die Familienstrukturen bestimmt. Begleitet würden die Umwälzungen von einer Säkularisierung. Auch der Islam könne, wie schon die Kirchen im Westen zuvor, den Trend zur Modernisierung und zur Kleinfamilie nicht aufhalten.

Extremisten würden davon lediglich im Übergangsstadium profitieren. Dementsprechend seien Gewaltausbrüche und Radikalisierungen kein Anzeichen für ein Zurückfallen der Region, sondern vielmehr für einen Umbruch oder Aufbruch in die Moderne. Die führenden Köpfe des Institut d’Etudes Démographiques konstatierten, dass auch die Aufklärung von Widerstand und Gewalt begleitet worden sei.

In einem Interview, das in dem kleinen Band “Frei! Der arabische Frühling und was er für die Welt bedeutet” (Piper 2011) abgedruckt ist, beschreibt Emmanuel Todd de Mechanismus wie folgt:

“In diesem Buch geht es um den Eintritt der arabischen Welt in einen universellen Prozess, in die Massenalphabetisierung, jenen historischen Augenblick, an dem deutlich wird, dass alle Individuen einer Gesellschaft in einem Alter über sechs oder zehn Jahren lesen und schreiben können. So werden sie in der Lage sein, an einer gemeinsamen Kultur teilzuhaben: Daraufhin folgen in einer natürlichen Abfolge ein Geburtenrückgang, ein wirtschaftlicher Aufschwung und selbstverständlich eine politische Demokratisierung. Dabei bleiben Wirren des Übergangs und die Gewalt, welche die Desorientierung angesichts der Moderne auslöst, offenbar nicht aus.”

Auf die Frage, ob Todd der Zeitpunkt der Revolutionen trotz seiner Prognose überrascht hätte, antwortete der Franzose:

“Der Zeitpunkt, wenn die Ereignisse losgehen, kommt natürlich immer überraschend.”

Kontrovers beurteilt wird Todds These, endogame Ehen – also die Heirat von Cousins und Cousinen – hätten den Arabischen Frühling abgebremst. Volker Perthes vertrat beispielsweise die Auffassung, die entscheidende Bremswirkung sei von 9/11 und den darauf folgenden Krisen ausgegangen.

Andere Anzeichen für eine Revolte

Jenseits der Bevölkerungsstatistik sprach die sozialpolitische Lage in der Region bereits seit Jahren für eine Revolte. Die Arab Human Development Reports berichteten schon 2003 und 2004 von unhaltbaren Zuständen für erhebliche Teile der arabischen Bevölkerung.

Todd blieb optimistisch. Das steigende Bildungsniveau hält er für die “zentrale Achse der Menschheitsgeschichte”. Dementsprechend sei der Iran der arabischen Welt um 30 Jahre voraus. Und die Iraner würden es schaffen, eine freiheitliche Demokratie zu errichten. Hätte man die Iraner in Ruhe gelassen, dann wäre sie die erste große Demokratie des Mittleren Ostens geworden. Ohnehin sei aufgrund der Entislamisierung die iranische Frage keine religiöse mehr, sondern eine nationalistische.

Für die Erfüllung seines Optimismus dürfte Emmanuel Todd sich in der Tugend der Geduld üben.

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