Wie ist die Welt wirklich?

Ist die Welt so wie wir sie wahrnehmen? Ist sie so wie andere Menschen sie wahrnehmen? Können wir zuweilen einfach nicht sagen wie die Realität ist?

Manchmal wissen wir es nicht.

The Hot Hand

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Beim Basketball spricht man von einer Hot Hand, beim (Glücks)Spiel von einer Glückssträhne, wenn ein mehrfach realisiertes Ereignis die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Auftretens erhöht. Im Basketball ist das z.B. die wahrgenommene Fähigkeit, 3-Punkte-Würfe wie am Fließband zu werfen. Man spricht insgesamt Sport von einem Lauf. Im Spiel nennt man das Glückssträhne.

Ansatz: Im Sport sind Spieler zuweilen „on fire“, sie spielen auf einem ungewöhnlich hohen Niveau. Sie befinde sich „in the Zone“ und erbringen dort Höchstleistungen. Ist das real oder eine Illusion? 

1. Forschungsstandpunkt (kontra intuitiv) 1985

Die Hot Hand gebe es nicht. Das seien statistische Erscheinungen, bei denen in einer Serie erfolgreiche Würfe unabhängig von einander seien.

Der herausragende wissenschaftliche Aufsatz zu dieser Perspektive ist: “The Hot Hand in Basketball: On the Misperception of Random Sequences,” by Amos Tversky, Robert Vallone, and Thomas Gilovich. Cognitive Psychology, 1985.

Wir würden Muster sehen, wo es keine gibt. Es handele sich um puren Zufall. Das Ergebnis war in insofern hohem Maße kontra intuitiv als die Hot Hand jeder Sportsfan gesehen und als Spieler sogar selbst erlebt hat. 

Selbst Affen glauben an die Hot Hand. Es ist eine evolutionär bedingte Sicht. Menschen sehnen sich nach Kausalbeziehungen. Wir wollen Verbindungen und Ursache-Wirkungen sehen. Wir lieben die Idee, on fire zu sein. Und wir lieben die Geschichten.

2. Forschungsstandpunkt (wieder kontra intuitiv) 2019

Die Hot Hand gebe es im Basketball. Es gebe beträchtliche Belege für einzelne Spieler und mehrere Spieler.

Ein bedeutender wissenschaftlicher Aufsatz ist: “Is It a Fallacy to Believe in the Hot Hand in the NBA Three-Point Contest?” by Joshua B. Miller and Adam Sanjurjo. IJER Working Paper, #548. Revised Sep. 23, 2019.

Demnach spiele Kontrolle eine große Rolle für die Wahrnehmung der Hot Hand. Habe ich es selbst im Griff, nehme ich die Hot Hand wahr. Ist es ein von meinem Handeln unabhängiges Ereignis, wie beim Roulette im Casino, dann reagieren Menschen überwiegend andersherum, sie erwarten keine Fortsetzung des Laufs, sondern ein Ende der Glückssträhne. Also: Beim Basketball erwarten sie ein Anhalten der Serie im Casino ein Ende.

Gestützt wird diese Sicht durch ein psychologisches Argument: Beim Sport spielt Vertrauen eine große Rolle, das den Erfolg beflügelt.

Drei Fragen

Wie kann es sein – eher das darf doch nicht sein: Beim Gericht entscheidet ein Richter nach zwei gewährten Asyl-Anträgen wahrscheinlicher gegen den dritten unabhängig von den Fakten. 

Gibt es einen Placebo Effekt? Wenn etwas tatsächlich passiert, entsteht ein chemischer Fluss im Gehirn. Geht das auch durch pure Vorstellung?

Hatte Shakespeare 1605/06 eine Hot Hand mit seinen Megaerfolgen während die Pest wütete?

Ausblick

Wir sind Geschichtenerzähler (Edward Leamer). Wir sind Muster suchende Lebewesen. Wir werden leicht durch Zufälle genarrt (Nassim Nicholas Taleb). Schon eine Reihe von Münzwürfen kann vollkommen anders aussehen als wir uns das vorgestellt haben. 

In den letzten 35 Jahren wurden hunderte wissenschaftlicher Untersuchungen über die Hot Hand publiziert. Man kann sich gut begründet für beide Seiten entscheiden oder für die Mitte. Interessant ist vielleicht die persönliche Frage: Wo steht man selbst? Und ist das abhängig von der Umgebung?

Daran anschließend: Wie können wir uns in eine objektivere, perspektivenreiche Situation begeben?

Lohnt es sich, mehr wie Bauern zu denken, nämlich langfristig in ausreichenden Ernten über die Jahre hinweg, oder wie Basketballer auf den kurzfristigen Erfolg in einem Spiel fixiert? Einer der herausragenden Sportler aller Zeiten – Tom Brady – zeigt, dass sich beides verbinden lässt. Ist er in einer besonders glücklichen Lage, weil er von den Göttern geküsst wurde?

Quelle und weiterführende Informationen: Das Gespräch von Russ Roberts mit Ben Cohen auf Econtalk.

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